Inhalt und Editorial, Heft 52

Ungleichheit, Ausgrenzung und soziale Gerechtigkeit

Elmar Altvater
Der Skandal globaler Ungleichheit. Armut wurde auf dem G8-Gipfel von Heiligendamm de-thematisiert

Klaus Dörre
Klassengesellschaft, Ungleichheit und Hegemonie

Ilse Lenz
Machtmenschen, Marginalisierte, Schattenmenschen und Gleichheit. Ungleichheiten, Egalisierung und Geschlecht

René Levy
Soziale Ungleichheit, Schichtung – Klassen?
Defizite der gegenwärtigen Ungleichheitsforschung

Daniel Oesch
Soziale Schichtung in der Schweiz und in Deutschland.
Zur Analyse der Klassenstruktur von Dienstleistungsgesellschaften

Willi Eberle / Hans Schäppi
Ungleichheit und Herrschaft in der Klassengesellschaft
Schweiz. Zur Politik der Klasse der Lohnabhängigen

Vasco Pedrina / Hans Hartmann
Streiks und soziale Kämpfe in der Schweiz.
Bilanz und Perspektiven

Gisela Notz
Frauen in der Pflegearbeit.
Professionell und privat immer verfügbar?

Eva Hug
Bildungsgerechtigkeit und schulische Selektion

Ines Langemeyer
Schützt „Lebenslanges Lernen“ vor Prekarität?
Bildung im Kontext gesellschaftlicher Unsicherheit

Reto Sonderegger
Mehr Mais im Tank bedeutet mehr Hungernde.
Agrotreibstoffproduktion und der Verlust der Ernährungssouveränitä


Grundeinkommen / Mindestlohn

André Gorz
Seid realistisch – verlangt das Unmögliche

Michael R. Krätke
Leben und Arbeiten, Brot und Spiele.
Das Grundeinkommen als Sozialstaatsersatz?

Andreas Rieger / Hans Baumann
Mindestlohnpolitik in der Schweiz und in Europa.
Gewerkschaftliche Lohnpolitik seit 1990

Avji Sirmoglu / Peter Streckeisen
Das Grundeinkommen – kapitalistische Utopie
oder linke Perspektive

Werner Vontobel
Rettet die Marktwirtschaft!


Marginalien / Rezensionen

Frieder Otto Wolf
Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit global denken.
Zu Mohssen Massarrats Reformperspektiven

Wolfram Stender
„Unterklasse“ – Rassismus und Exklusion

Pascal Jurt
Die soziale Frage in der französischen Soziologie

Ueli Mäder
Ausgrenzung im Kapitalismus. Zur Studie „Das Problem der Exklusion“ von Heinz Bude / Andreas Willisch

Christina Kaindl
Ungleichheit als neoliberales Projekt

Fernanda Benz über Pascale Gazareth et al.:
Die neue soziale Ungleichheit in der Arbeitswelt

Yves Kramer über Fabian Kessl et al.: Erziehung zur Armut? Sozialarbeit und „neue Unterschicht“

Benjamin Opratko über Alex Demirovic und über Lars Bretthauer et al. – zu Nicos Poulantzas 215

Barbara Müller über Rita Schäfer: Im Schatten der
Apartheid. Geschlechtsspezifische Gewalt in Südafrika

Sünne Andresen / Susanne Lettow
Was ist neu an der Partei „Die Linke“? Gesellschaftsanalyse aus Geschlechtersicht

Zeitschriftenschau


Inhalt
und Editorial, Heft 52

Ungleichheit, Ausgrenzung und soziale Gerechtigkeit

Das erste Millennium-Entwicklungsziel der G8-Staaten bleibt zwar die Bekämpfung von Armut und Hunger, aber auf dem G8-Gipfel Anfang Juni in Heiligendamm standen unter dem Motto „Wachstum und Verantwortung“ vor allem die „Investitionsfreiheit“ im Mittelpunkt, die Öffnung der Güterund Dienstleistungsmärkte, die Liberalisierung der Finanzmärkte. Die Tatsachen, dass in den Ländern des Südens die Einkommens- und Vermögensverteilung immer ungerechter wird, dass laut FAO jährlich 10 Millionen den Hungertod erleiden, dass Millionen von Menschen arbeitslos werden und verarmen, werden von der herrschenden Elite der G8-Staaten verdrängt.

Auch in den Industriestaaten des Nordens wächst die Kluft zwischen Arm und Reich. So kommt der SonntagsBlick (1. Juli 2007) nicht umhin zu konstatieren, dass sich in der Schweiz „die Schere zwischen ganz oben – die 200 400 Dollar-Millionäre – und denen ganz unten öffnet“. Tatsächlich wälzt die neoliberale Strategie die Arbeits- und Lebensverhältnisse um und treibt den Umbau der sozialen Sicherungssysteme voran. „Prekarität ist überall“, schrieb Pierre Bourdieu bereits 1998 in einem Beitrag zur Arbeitslosenbewegung in Frankreich; es beginne die Herrschaft einer „permanenten Unsicherheit“, die die Arbeitnehmenden zwingt, ihre Ausbeutung sowie die Arbeitsplatzvernichtung hinzunehmen. Arg in Misskredit geraten ist inzwischen ebenfalls die Meritokratie: Entlohnt wird immer weniger nach Leistung, wie die Hungerlöhne im Niedriglohnsektor zeigen – ganz zu schweigen von den exorbitanten Managersalären. Und angeschlagen ist der seit Jahrzehnten ausgehandelte Klassenkompromiss, der Modus, auf dem die Regulierung von Kapital- und Arbeitsmarkt und die Sozialtransfers basiert, ohne alle Formen der Lohnarbeit zu erfassen. Die Fragmentierung der Gesellschaft, soziale Spaltungen, Ausgrenzungen und fremdenfeindliche Tendenzen zerstören mehr und mehr jeglichen Gemeinsinn und stärken die partikulären Interessen.

Vor diesem Hintergrund sind die derzeitigen Debatten über „Neue Klassengesellschaft“, „Neue Unterschicht“ und „Angst der Mittelschichten“ nicht erstaunlich. Sie werfen Fragen nach Ungleichheit und Ungerechtigkeit auf, sie erfordern kritische Gesellschaftsanalyse und neue Konzeptionen von Klassen sowie von Geschlechterungleichheiten. Und sie reaktualisieren die Frage, wie und in welchem Ausmass das Bildungssystem soziale Ungleichheiten und Spaltungen reproduziert und Ausgrenzungen normalisiert.

Die Kontroversen über das Grundeinkommen und den Mindestlohn, über Streiks und soziale Kämpfe sind bei aller Gegensätzlichkeit der Positionen und Perspektiven immer auch Standortbestimmungen, die zur weiteren Konkretisierung einer Politik der sozialen Gerechtigkeit dringlicher denn je sind.

1. Juli 2007 Die Redaktion

WIDERSPRUCH 52: Ungleichheit, Ausgrenzung und soziale Gerechtigkeit

236 Seiten, Fr. 25.- / EUR 16.-,

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